Kirchweihgedenktag mit Festvortrag: Politische Predigt - Politik in der Predigt Barnbrock Fotograf Buettner

Am 17. Februar 2019 feierte die Evangelisch-Lutherische St. Mariengemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Zehlendorf ihr diesjähriges Kirchweihfest. Im Festgottesdienst mit Feier des Heiligen Abendmahls nach der vorlaufenden Beichtandacht wirkte Prof. Dr. Christoph Barnbrock von der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel, zugleich Rektor dieser Bildungseinrichtung der SELK, mit. Er predigte über Psalm 84, den Tagespsalm für das Kirchweihdenken.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen hörten die interessierten Zuhörer dann den Festvortrag von Barnbrock zum Thema "Politische Predigt - Politik in der Predigt. Unmöglichkeiten und Notwendigkeiten". Einstieg seines Vortrages war ein Tweet - eine Kurzmitteilung, die im Internet verbreitet wird - des Chefredakteurs der WELT-Gruppe, Dr. Ulf Poschardt. Poschardt hatte 2017 die Christmette in der Evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin-Zehlendorf besucht und seinerzeit zur dort gehörten Predigt geäußert: "Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. bei der Grünen Jugend verbracht." Sowohl in den kirchlichen als auch in den säkularen Medien wurde aufgrund dieser Äußerung diskutiert, wie viel Politik eine Predigt verträgt. Barnbrock führte aus, dass ein Schwarz-weiß-Denken nicht weiterhelfe. Denn selbst die Bibel setze sich mit gesellschaftlichen und damit auch politischen Themen auseinander. Er verwies an dieser Stelle beispielhaft auf den Propheten Amos.

Kirchengeschichtlich lenkte der Oberurseler Theologieprofessor die Zuhörenden zunächst auf die Torgauer Kirchweihpredigt Dr. Martin Luthers vom 5. Oktober 1544. Luther schrieb in dieser Predigt der Elite ins Stammbuch, dass diese die Aufgabe habe, in ihrer Stellung der Gesellschaft zu dienen. Weiter stellte Barnbrock den Zuhörenden den württembergischen Hofprediger Lukas Osiander der Ältere vor. 1596 habe ihn Herzog Friedrich von Württemberg als Prediger entlassen, weil ihm die Predigten zu scharf gewesen seien. Schon die Tatsache, dass bis zum Ende der Monarchie 1919 und der Gründung der Weimarer Republik der Adel Hofprediger gehabt habe, zeige die enge Verbindung von Thorn und Altar, Politik und Kirche.

Im weiteren Verlauf des Vortrages erläuterte der Hochschullehrer die Zwei-Reiche-Lehre evangelisch-lutherischer Theologie. Hierbei definierte er zunächst den Begriff Politik, der sich vom griechischen "Polis" herleite und Stadt / Bürgergemeinde meine. Somit sei Politik die Regelung der Angelegenheiten des Gemeinwesens. Politik gebe es demnach stets, einerlei welche Staats- oder Regierungsform bestehe. Politik werde in der Demokratie, in der Monarchie, in der Diktatur oder anderen Staatsformen getrieben. Die politische Predigt, gemeint als feststehende Wendung - wie beispielsweise auch das politische Nachtgebet -, lasse sich auf eine bestimmte theologische Richtung des 20. Jahrhunderts zurückführen und zeige eine Verbindung zwischen Politik und Predigt auf. Diese Richtung habe mit Ende des Kalten Krieges an Bedeutung stark verloren. Für evangelisch-lutherische Theologie und Kirche sei aber eine Unterscheidung von Gottes Wirken in der Kirche einerseits und Gottes Handeln in der Welt durch die Obrigkeit andererseits zu unterscheiden. Bischöfe wie Pfarrer hätten das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen und nicht weltliche Herrschaft anzustreben. Aber auch die lutherische Reformation habe ihre eigenen Vorgaben nicht durchhalten können, da als Notordnung die Landesherren doch wieder zu Kirchenoberhäuptern geworden seien; das landesherrliche Kirchenregiment habe sich bis zum Ende der Monarchie in Deutschland im Jahre 1919 etabliert. Mit der Ausrufung der Weimarer Republik habe es keinen Kaiser von Gottes Gnaden gegeben. Auch habe sich der Staat nicht mehr unmittelbar als Corpus Christianum - christliches Gemeinwesen - verstanden. Entsprechend sei die Wahrnehmung gewachsen, der Christ lebe in zwei Welten - der Kirche und der Welt. Dass aber auch evangelisch-lutherische Prediger immer wieder politisch gepredigt haben, machte Barnbrock am Beispiel von Friedrich Wilhelm Hopf (1910-1982), unter anderem Missionsdirektor der Lutherischen Kirchenmission (Bleckmarer Mission) der SELK, deutlich. So schreibt Hopf rückblickend auf die Zeit der Pogrome am 9./10. November 1938: "Wir waren damals alle sehr verzagt und haben damals alle sehr versagt. Wir haben kaum etwas gewagt zur Linderung auch nur der größten leiblichen Nöte unserer jüdischen Nachbarn und Bekannten. Ich habe in jenen Gottesdiensten nach dem 9. November sehr deutlich geredet und bin auch von sehr vielen sehr genau verstanden worden." In der Predigt sei durchaus auch politisch zu reden.

Im weiteren Verlauf seines Vortrages stellte der Referent Leitlinien auf, wie seiner Ansicht nach eine Predigt nicht gehalten werden solle. Parteipolitische Festlegungen diskreditierten eine Predigt. Ebenso schade es der Predigt, wenn sich der Prediger ohne nötigen Sachverstand auf komplexe politische Sachverhalte einlasse. Auch gesellschaftliche Ausführungen statt der Predigt von Jesus Christus als Heil der Welt hätten in einer Predigt keinen Platz. Provokant formulierte der Vortragende, dass eine Vermischung von beidem nicht statthaft sei: Rettung durch Recycling. Gleichwohl gebe es auch eine politische Predigt, die nötig sei. Hierbei habe sich aber ein Prediger zunächst an seinen Verkündigungsauftrag zu erinnern, nämlich Jesus Christus als Herrn der Welt, Retter der Sünder, Richter über Lebende und Tote am Ende der Welt zu predigen. Dies könne in bestimmten Situationen eine hochpolitische Aussage sein, gerade dann, wenn Machthaber meinten, dass von ihnen oder ihrer Ideologie Heil und Rettung ausgingen. Die politische Predigt, wie sie nötig sei, habe den Hörerinnen und Hörern aufzuzeigen, wo sie in ihrem Leben Gottes Willen verfehlen und durch die Predigt zur Umkehr gerufen würden. Die Gerichtsansage sei auf das konkrete Leben bestimmter Menschen gerichtet, nämlich vornehmlich auf die, die auch diese Predigt hörten. Gleichwohl könne der politische und gesellschaftliche Bereich, in dem auch der Christ lebe, nicht ausgeblendet werden. Eine nötige politische Predigt werde nicht der Versuchung unterliegen, als seien Leben und Politik einfach und es bedürfe nur weniger guter Hinweise, um ein ordentliches Leben zu führen. Eine Predigt sei in dieser Weise politisch, dass sie den Hörenden den Willen Gottes in Anwendung auf diese Zeit und Welt vor Augen zu führen habe. Das Gewissen des Einzelnen habe eine Predigt vom Wort Gottes her zu schärfen und zur Umkehr zu rufen, wo es nötig sei. Grundsätzlich sei die Kanzel nicht mit einem politischen Rednerpult zu verwechseln.

Im Anschluss an den Festvortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Der Kirchweihtag endete mit einer Vesperandacht in der Kirche, in der der Zehlendorfer SELK-Gemeindepfarrer Markus Büttner die Ansprache hielt. (MB/SN)

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